Cluburlaub

Man glaubt immer, über den Charakter der Anderen urteilen zu können, aber selbst kennt man sich wohl doch am wenigsten. Lesen Sie selbst:

Diese Reaktion hätten Sie sehen müssen: Vier Augenbrauen waren gleichzeitig hochgegangen, zwei Blickpaare hatten mich süffisant gemustert. Meine Frau und meine Tochter wollten unbedingt wissen, welche Erfahrungen ich denn irgendwann mal mit alleinreisenden Schülerinnengruppen gemacht hätte. Dabei hatte ich nur reagiert, wie jeder Vater reagiert, wenn die eigene Tochter sich einen Katalog für Jugendreisen aus dem Reisebüro mitbringt.
Nun ja, den Satz, „Kommt überhaupt nicht in Frage, ich weiß genau, was ihr da machen wollt, wenn ihr Jungens und Mädels unter euch seid, ohne Aufsicht“, hätte ich mir wirklich sparen können.
Jedenfalls war ich aus der Nummer nur wieder rausgekommen, weil ich einem gemeinsamen Cluburlaub zugestimmt hatte. Die ganze Familie. Alle gemeinsam in eine Clubanlage.

Ausgerechnet! Ich, der unter Urlaubmachen die Einsiedelei in einem einsamen Erdloch im Hunsrück versteht. Ich, der ich an Ungeselligkeit allerhöchstens noch von den Eingeborenen der Andamaneninseln übertroffen werde. Ich, der ich mit den vor 52 Jahren eingezogenen Nachbarn noch nicht ein einziges Wort geredet habe, außer einmal, als der Sturkopp mich wegen des Gartenzauns verklagen wollte und ich nicht an mich halten konnte, ihm ein Schimpfwort zuzurufen. Der Arsch!
Ich… 14 Tage Cluburlaub. Mit wildfremden Menschen, denen ich womöglich noch auf ihre völlig verblödeten Fragen antworten müsste, was ich denn sonst so machen würde, oder welche Automarke ich denn führe.
An viel kann ich mich auch jetzt noch nicht erinnern. Unser Zimmer hatten meine mir Angetraute und ich fast nie zu Gesicht bekommen, unsere Sprösslinge glaube ich, auch erst wieder auf dem Rückflug gesehen zu haben. Aber meine Gattin meinte noch lange danach, jedem erzählen zu müssen, wie ich, ihr Gemahl, auf einmal aufgeblüht sei. Beim Kochkurs, hätte sich in mir ein wahrer Sternekoch entblättert. Deshalb darf ich jetzt auch noch jeden Sonntag Frühstück machen! Beim Sackhüpfen sei ich zwar der Älteste gewesen, aber niemand habe mich bei den zahllosen Turnieren, die ich dann letztlich sogar selbst angesetzt hatte besiegen können.
Aber das Beste, sei gewesen, wie ich beim Clubkarneval den Karaokewettbewerb gewonnen hätte. Dabei konnte ich vorher gar nicht singen.
Wir treffen uns mit den anderen Clubgästen übrigens alle 4 Wochen immer noch, turnusmäßig bei uns oder bei einem von ihnen. Keine Ahnung, wo wir uns nächstes Mal treffen.
Aber von Jugendreisen hatte ich ja schließlich auch keine Ahnung.

Wer seine Clubfähigkeit selber testen möchte, oder wer eine Jugendreise für seine Sprösslinge buchen möchte, die garantiert jugendfrei ist, sollte sich an die Fachleute wenden, die selber jung geblieben sind oder zumindest Ahnung haben, wo sich diese Jungbrunnen für Urlauber befinden.

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