Lufthoheit über Urlaub

Es gibt eigentlich nur zwei Ausrufe, die uns Männer wirklich in Panik stürzen können: „Das Bier ist alle!“ und der Aufschrei: „Ich will in Urlaub fahren!“
Letzterer entfährt Ehefrauen für Gewöhnlich kurz bevor eine Reihe von Feiertagen beginnen, meist eingeleitet von einem tiefen Seufzer, aus Richtung Wohnzimmerfenster, wo man genau sehen kann, dass es draußen regnet und wohl auch die nächsten 5 Tage regnen dürfte, und ausschließlich dann, wenn theoretisch eh keinerlei Aussicht mehr besteht, noch einen Flug in die Sonne zu erwischen.
So auch kürzlich wieder. Draußen Nieselwetter, die Wettervorhersage gruselig, meine bessere Hälfte steht am Fenster und holt zu einem der schlimmsten Seufzer Luft, den die Welt je vernommen hat, – „Okay!“ rufe ich, „wir fliegen in die Sonne!“
Else-Willi-ReisebüroWenige Stunden, bevor eine Reihe von Feiertagen beginnen, lassen wir uns also im Reisebüro unseres Vertrauens von Frau Wagenhol-Christopherus anlächeln und äußern unsere Wünsche: Sonne, Meer, Strand, allinklusive, superbillig, am besten umsonst, nicht zu lange fliegen, mindestens fünf Sterne und Zimmer mit Meerblick, das übliche eben.
Unser Gegenüber schaut nicht einmal ungläubig, nickt nur, wirft einen sehr langen Blick auf uns und erklärt uns, dass ein Sechser mit Zusatzzahl wahrscheinlicher sei, als dass wir jetzt noch etwas kriegen. Sie wolle aber mal schauen.
Zwanzig Minuten später haben wir den Sechser mit Zusatzzahl, sogar mit Superzahl! Es sei ein Wunder, bekundet uns unsere Reisefee voller Begeisterung, das käme nur vor, wenn sich kurzfristig jemand entschlossen hätte, doch Zuhause zu bleiben. Ein Storno, sozusagen!
Draußen auf der Straße, unter dem Regenschirm fragt mich meine Frau, ob ich das geglaubt hätte, dass jemand tatsächlich bei dem scheußlichen Wetter lieber zu Hause zu bliebe!“
„Nein“, antworte ich, „Urlaubsfeen haben für Leute, wie uns immer haufenweise Lastminuteangebote, die nur darauf warten, dass wir im letzten Moment auftauchen und noch weg wollen.“
Den Blick von meiner Ehefee können Sie sich wohl vorstellen.

Sobald irgendjemand in unserer Familie also den Anschein erweckt, die Wohnung auch nur zu verlassen, ziehen wir deshalb traditionsgemäß Frau Liselotte Wagenhol-Christopherus zu Rate. Frau Wagenhol-Christopherus hat seit der ersten Völkerwanderung ihr Reisebüro direkt an der Ecke. Ein gemütliches Ladenlokal in einem spitzwinkligen Eckhaus. Links ein kleines Schaufenster, rechts ein kleines Schaufenster, in der Mitte der Eingang. Innen zwei Schreibtische, an einem sitzt Liselotte Wagenhol-Christopherus, der andere dient seit jeher als Ablage für gedruckten Urlaub, gebrauchten Kaffeetassen der Kunden etc. Der einzige Mensch, der Wünsche von uns mit einem klaren „Nein“ beantworten darf, ist Frau Wagenhol-Christopherus. Dieses wandelnde Kursbuch, diese Koryphäe in Sachen Reisen sagt selten „Nein“, aber wenn sie s sagt, dann sollten wir besser auf sie hören.
Früher war es einfach, da saßen wir vor ihr auf den Besucherstühlchen und harrten der Dinge, die sie aus ihrem wuchtigen Computerbildschirm sah, der wie die Kristallkugel einer Wahrsagerin ihr Licht geheimnisvoll illuminierte. Wenn Liselotte Wagenhol-Christopherus, die eine Zeit lang nur Frau Christopherus geheißen hatte, bevor sie heiratete, dann endlich wieder unseren erwartungsvollen Blicken begegnete und den magischen Satz sagte, „ich denke, ich habe da etwas für Sie“, dann tat sich für uns die Welt der Erholung auf, dann fühlten wir förmlich die Sonne auf der Haut, schmeckten den Caipirinha auf der Zunge, fühlten uns bereit, die Welt zu erobern.
Seit mein neunmalkluger Herr Sohn 24 Stunden im Internet surft, nehmen wir Frau Wagenhol-Christopherus schon mal etwas Arbeit ab und legen ihr einen Stapel Ausdrucke vor von Hotels, Urlaubszielen und Flügen, wo wir meinen, dass die billig seien. Gut, die Antwort von ihr, die wir dann standardmäßig bekommen, wie billig Urlaub sein müsse, damit er erholsam sei, die schenke ich mir jetzt. Auch der Vergleich, wie billig Arznei sein müsse, damit sie gesund mache, die spare ich mir auch. Immerhin macht es Mühe, nächtelang im World Wide Web zu surfen, bei Google Earth Dächer und erstarrte Autobahnen anzuglotzen. Aber seit den Anfängen unserer unterstützenden Tätigkeit hören wir von Frau Wagenhol-Christopherus auch dieses bestimmende „Nein!“. „Nein“, heißt in ihrem Fall, auch dann, wenn wir dann trotzig fragen, „warum nicht?“, dass wir uns auf den Kopf stellen könnten, sie würde uns das nicht buchen.
Einmal, das gebe ich hier zu, haben wir uns erdreistet, auf Frau Wagenhol-Christopherus bei der Reisen Buchung zu verzichten. Wir haben die Ochsentour der Internetbuchung auf uns genommen, mit schweißnassen Handflächen unsere geheimsten Daten in die Tastatur getippt, nebst Kreditkartendaten, und wir haben doch tatsächlich ein paar Ausdruck aus unserem PC-Drucker bekommen, die zumindest den Anschein bewahrheiteten, dass wir eine Reise gebucht hätten.
Wir waren Könige. Frau Wagenhol-Christopherus hatte die Lufthoheit über unseren Urlaub verloren. Wir waren selber Wagenhol-Christopherus. Fortan würden wir uns überall im Bekanntenkreis, bei Arbeitskollegen aufplustern, sobald das Gespräch auf Urlaub käme. Das kann man doch ganz wunderbar selbst! Da braucht man gar nicht aus dem bequemen Sessel aufstehen. Tja, wer hat, der hat!
In 4 Monaten, 2 Wochen und 3 Tagen würde es endlich losgehen.
Am nächsten Morgen saß meine mir Angetraute bei Morgengrauen neben mir aufrecht im Bett und schaute mich an.
Ich weiß nicht, ob Sie diese Situation kennen. Es hat was von: „Schatz, das Haus brennt!“. Das letzte Mal, als diese Situation mein Herz hatte stehen bleiben lassen, das war bei der Schwangerschaft mit meinem Sohn: „Ich glaube, es ist soweit!“. Dieses Mal war es der unheilverkündende Satz: „Bist Du sicher, dass das auch alles geklappt hat?“
Stehen Sie mal als Ersttäter diese Situation für 4 Monate, 2 Wochen und 3 Tage durch. Es war die Hölle. Gut, es gab eine Telefonnummer, die wir stündlich anriefen, um einer der vielen netten Stimmen zu lauschen, welche Taste man drücken solle, bei welchem Anliegen. Aber, ehrlich gesagt, wir waren doch überdurchschnittlich urlaubsreif, als wir endlich auf dem Weg zum Flughafen waren. 4 Uhr 45.
„Frau Wagenhol-Christopherus hätte uns vor diesem frühen Flug gewarnt!“ zischelte meine liebe Gattin.
Aber wir hatten Glück, die Maschine hatte Verspätung, wir flogen erst gegen Mittag los. Über Nürnberg.
Dort flogen wir dann mit einer anderen Maschine am Abend zu unserem Urlaubsort, durften uns sämtliche Hotelanlagen aus dem Busfenster anschauen. Lernten nette Leidengenossen kennen, die dann aber immer wieder verloren gingen, wenn der Transferbus ihr Hotel erreicht hatte, und kamen dann auch irgendwann bei unserem Hotel an. Essen gab es nicht mehr, es war fast Mitternacht.

Frau Wagenhol-Christopherus trafen wir beim Samstagseinkauf Wochen später im Supermarkt. Sie bemerkte, dass wir Ränder unter den Augen hätten und überhaupt etwas gestresst aussähen. Nun, wir verschwiegen ihr, was uns widerfahren war, meinten aber, dass wir die nächsten Tage bei ihr vorbeischauen würden, wir seien tatsächlich urlaubsreif.
Hoffentlich entdeckt sie nicht meinen Eintrag bei Holidaycheck, „Das übelste Hotel aller Zeiten“.

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